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Die Schule gehört zur Stadt .....

Interview mit Herrn Roman Mesing

Am 11. März 2006 besuchte eine Delegation des Vorstands, der Markus Pröll, Dominik Keseberg, Thorsten Springob und Christian Pospischil angehörten, den ehemaligen Schuldirektor des St.-Ursula-Gymnasiums, Herrn Roman Mensing. Diesen Besuch hatten Gastgeber wie Gäste schon seit längerem geplant.

Herr Mensing lebt seit seiner Pensionierung in Bonn - Bad Godesberg in der Nachbarschaft seines Bruders. In seinem ruhig gelegenen Reihenhaus beeindruckten vor allem die zahlreichen Bücherregale die Besucher, noch mehr aber Herr Mensings Schätzung, mit circa 98% der Bücher schon gearbeitet zu haben. Prüfungen, ob es sich nicht vielleicht doch um in Möbelhäusern übliche Attrappen handele, wurden unterlassen, besonders weil man es sich in den behaglichen Sesseln bequem gemacht hatte und Herr Mensing die Gäste als formvollendeter Gastgeber bestens mit Gebäck und Kuchen versorgte.

Erfreut nahmen die Ehemaligen zu Kenntnis, wie intensiv Herr Mensing Anteil an der Entwicklung der Schule und des Ehemaligenvereins nimmt. Aus dem gemeinsamen Gespräch, in dem auch gegenseitige Erfahrungen ausgetauscht wurden, konnten einige Impulse und Ideen für die weitere Arbeit mit nach Attendorn genommen werden.

Mittags fuhr man dann zur Bonner Museumsmeile. Nach dem Mittagessen stand der Besuch der Ausstellung „Flucht und Vertreibung“ im Haus der Geschichte an. Nach zwei interessanten Stunden kaufte Herr Mensing zum Abschluss den Katalog zur Ausstellung, den Christian Pospischil der Schülerarbeitsbibliothek übergeben durfte.

Zurückgekehrt nach Bad Godesberg führte der Vorstand ein Interview mit dem ehemaligen Schulleiter. Zum Abschied revanchierte sich Herr Mensing für die ihm geschenkte Bonhoeffer-Biographie mit einem äußerst lesenwerten Buch über den heiligen Martin, das er selbst verfasst hat. Obwohl ein erneuter Wintereinbruch die Rückfahrt ziemlich langwierig gestaltete, hatten die Vorstandsmitglieder einen äußerst interessanten Tag beim Ehrenmitglied ihres Vereins erlebt.


Steckbrief
Name Roman Mensing
Geburtsjahr 1930
Geburtsort Werl
Familienstand ledig
Konfession römisch-katholisch
Hobbys Fotografie, Lesen, Schwimmen
Musik keine besonderen Präferenzen
Lebensmotto Ich möchte versuchen, nicht nur vor mich hin zu leben, sondern aus meinem Leben etwas zu machen. Ich habe nicht nur für meinen Beruf, sondern auch für mich sehr persönlich gelernt auf Gott zu vertrauen.
Zur Primiz und zur Priesterweihe habe ich ein Zitat aus einem Paulus-Brief ausgewählt: „Der Herr möge uns eine Tür des Wortes öffnen.


Beruflicher Werdegang
  • 1941-47: Besuch des Gymnasiums in Werl
  • wegen Kriegsendes Ausfall der Schule für ein Jahr: Tätigkeit auf einem Bauernhof
  • 1948-1951: Besuch des Rivius-Gymnasiums in Attendorn; Abitur 1951
  • 1951: Aufnahme des Studiums der Naturwissenschaften (Chemie) in Freiburg
  • Entscheidung zum Studium der Theologie in Paderborn
  • 1957: Priesterweihe in Paderborn
  • 1957-65: Tätigkeit in der Pfarrseelsorge: zunächst im Sauerland, dann in der Region um Hamm/Werl
  • 1965: Gang in den Schuldienst; Studium der Geschichte (Zweitfach)
  • anschließend Referendarzeit, 14-jährige Tätigkeit am Städtischen Beisenkamp-Gymnasium in Hamm (zusätzlich Fachleiter für katholische Religion)
  • 1978: Schule der Ursulinen in Attendorn – Übernahme des Gymnasiums, Schulseelsorge und Mitarbeit für die Realschule
  • 1995: Pensionierung


  • Interview geführt am 11.03.2006 in Bonn - Bad Godesberg (VS=Vorstand, RM=Roman Mensing)
    VS: Herr Mensing, was haben Sie in der Zeit nach Ihrer Pensionierung 1995 so alles unternommen?
    RM: Zunächst habe ich noch eine amtliche Aufgabe für das Erzbistum Paderborn gehabt. Wegen der Schulerfahrung hat der Bischof mich gebeten, die Koordinierung der Seelsorge an den bischöflichen Schulen zu übernehmen. Ich bin also rumgefahren an die Schulen und habe Tagungen für die Schulseelsorger durchgeführt. Insgesamt sechs Jahre, bis ich 71 war. Dann habe ich die Aufgabe an jemand anderen abgegeben.
    Seitdem darf ich eigentlich tun was ich kann und muss niemanden fragen, was ich denn tun soll. Ich helfe, das habe ich auch in diesen ersten Jahren nach der Pensionierung schon getan, hier in der Pfarrseelsorge aus. Ich habe ein paar Dinge als regelmäßige Aufgabe übernommen.
    Im Übrigen habe ich mich daran gemacht, das, was ich vorher schon begonnen hatte, zu vertiefen – zu schreiben. Ein Buch über den Nikolaus und eins über den heiligen Martin (Anmerkung: beide Bücher sind im Patmos Verlag erschienen: „Nikolaus von Myra“ & „Martin von Tours“). Auch habe ich an der Geschichte des Erzbistums Paderborn mitgearbeitet, wo ich jetzt immer noch dran bin. Denn es gibt noch eine wissenschaftliche Bistumsgeschichte. Dort habe ich das Kapitel 'Kirchenbau und Kirchenausstattung in der Zeit von 1530 bis 1821' übernommen. Das ist ziemlich viel Arbeit. Das ist im Moment so das, was ich tue.
    VS: Und wie sieht’s mit dem Reisen aus?
    RM: Ja, ich bin ziemlich viel gereist in meinem Leben. Nach der Pensionierung habe ich eine Einladung nach Afrika wahrgenommen und eine ausgiebige Afrikareise gemacht, denn auf dem Kontinent war ich noch nie gewesen. Erst nach Namibia, da habe ich Verwandte, und dann nach Uganda in Begleitung eines Missionars, der mich dahin eingeladen hatte. Das war recht abenteuerlich, so bis an die Zivilisationsgrenze zu den Massai.
    Dann bin ich noch in Ägypten gewesen, und zwar in dem Teil Ägyptens, den die meisten Menschen dort nicht kennen: in der Wüste in Richtung Libyen - in der Oase Siwa. Diese berühmte uralte Oase, wo Alexander der Große auf seinen Kriegszügen gewesen ist. Das war auch eine spannende Abenteuerreise.
    Im letzten Jahr bin ich noch nach Mexiko gereist. Ich habe von der Studienzeit her einen Freund in Mexiko. Wir haben uns immer wieder getroffen und ich war auch schon vorher zweimal in Mexiko gewesen. Aber nun hatten wir uns 14 Jahre lang nicht gesehen, insofern war das auch eine spannende Sache.
    Und dann gibt’s natürlich auch kleinere Reisen, denn durch das Schreiben kommt man ja zu einigen. Ich war zum Beispiel auf einem Nikolauskongress in Russland eingeladen.
    VS: Wie beurteilen Sie den Nutzen bzw. die Bedeutung eines Ehemaligenvereins für eine Schule? Welche Funktionen sollte er Ihrer Meinung nach haben und woran ist in der Vergangenheit die Gründung eines solchen Vereins gescheitert?
    RM: Ich hielt einen solchen Ehemaligenverein immer schon für wünschenswert. Wir haben ja für die St.-Ursula-Schulen einen durchaus erfreulichen und funktionierenden Förderverein. Aber Förderverein und Ehemaligenverein sind zwei unterschiedliche Dinge und es ist ganz gut, wenn es einen Verein gibt, der sich wirklich der Ehemaligen annimmt, um den Kontakt zur Schule aufrecht zu erhalten, um Tradition zu bilden und eine Corporate Identity zu fördern. Da können sich Ehemalige und jetzige Schülerinnen und Schüler sicher gut unterstützen. Aber das muss eine Initiative sein, die eben von den Ehemaligen kommt. Wenn die kein Interesse an der Schule haben oder die Initiative nicht ergreifen, kann ich das nicht verordnen. Und deswegen habe ich zu meinen Dienstzeiten vergeblich darauf gewartet und war wirklich besonders erfreut, dass Sie die Initiative nachher ergriffen haben. Damit habe ich praktisch schon einiges gesagt, wozu ich einen Ehemaligenverein für wünschenswert halte: Tradition. Persönliche Kontakte. Die Kontakte der ehemaligen Schülerinnen und Schüler untereinander. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl.
    Und vielleicht heute mehr denn je eine Unterstützung der Schule durch die Ehemaligen, weil die für die gegenwärtigen Schüler Vorbilder, oder besser, Anreiz sein können: das und das ist aus denen geworden und solche Leute sind aus unserer Schule gekommen. Da könnte man ja probieren, auch was zu tun. Gerade wenn jemand so faszinierende Dinge erzählt, die machen gerade für jüngere Schüler eine Schule ansprechend und reizvoll, bei aller Mühsaal.
    VS: Glauben Sie, dass das religiöse Profil der Schule nach Ihrer Pensionierung und dem Wegzug der Schwestern der Ursulinen verblassen könnte?
    RM: Ich glaube nicht, dass das Profil gelitten hat. Es ist anders geworden. Das, was ich früher immer so betont habe: auch wenn die Schwestern nicht mehr unterrichten - sie betreuen das Umfeld und wir haben irgendwie ein bewohntes Haus. Dieses bewohnte Haus, das gibt es nicht mehr. Das ist wirklich ein Nachteil. Obwohl sich das vielleicht ein bisschen wieder ausgleicht, wenn über den ganzen Tag in der Schule Betrieb ist.

    Ansonsten könnte es sogar sein, dass eine gewisse Förderung der religiösen Begleitung eingetreten ist, weil Pastor Lütkevedder nur für den Religionsunterricht und für die Pastoral da ist. Ich hatte ja die Doppelfunktion als Geistlicher und Schulleiter, und das sind natürlich zwei Ämter, die auch mal miteinander in Konflikt geraten. Wenn der Schulseelsorger die Unterstützung des Schulleiters hat, aber eine selbstständige Person ist, kann das auch Vorteile haben. Insofern muss da nicht unbedingt eine Verflachung eingetreten sein. Geändert hat sich manches. Aber vielleicht muss das ja im Laufe der Zeit auch. Aber ich sehe auch, dass eine Reihe von Traditionen, die in meiner Zeit gewachsen sind, weitergeführt werden.

    Ich arbeite in einem Arbeitskreis, wo wir versuchen, die christliche Sinndeutung des Lebens in der Schule durch kleine Feiern und Riten erfahrbar zu machen, das Schülerleben auch aus christlichem Geist zu deuten. In diesem Arbeitskreis arbeiten zwei Kollegen vom St.-Ursula-Gymnasium mit, Frau Voß und Herr Lütkevedder, die ihre Erfahrungen aus der Schule mit einbringen. Das spricht eigentlich nicht gegen Verflachung.
    VS: Aber es scheint ja wirklich schwer geworden zu sein, viele religiöse Angebote aufrechtzuerhalten, wie etwa wöchentliche Gottesdienste oder thematische Wochen.
    RM: Schwieriger geworden ist es sicher, das erzählen mir die Kollegen auch. Aber weil ich das weiß und das sehe, arbeite ich auch an diesem Arbeitskreis mit und denke, wir müssen probieren, das, was uns bewegt, so darzustellen und so überzeugend anzubringen, dass das der jetzigen Schülergeneration hilft und dass die das Gefühl kriegen: das kann man annehmen, daraus kann man was machen!
    Das wird anders sein, als es früher war. Und wenn sich das weniger in Gottesdiensten dafür vielleicht mehr in sozialem Engagement ausdrückt, oder in religions-philosophischen Diskussionen, dann muss man sehen, welche Wege man gehen kann. Und ich habe das Vertrauen, dass die einiges probieren. Wohl auch nicht ganz vergeblich.
    VS: Also mehr im Sinne einer gelebten Nächstenliebe?
    RM: Ich bin in einer sehr religiösen Familie groß geworden und im Dritten Reich aufgewachsen, das muss man wohl auch dazu sagen. Und von Anfang an in Opposition. Meine Eltern wussten, solange ich zurückdenken kann, dass das eine Bande von Verbrechern und der Nationalsozialismus eine Katastrophe war, und haben sich und uns davon ferngehalten. Das heißt wir merkten, dass mit Kirche und Glauben vielleicht eine Lebensmöglichkeit da war, und dass diese verteidigt werden musste gegen eine Umwelt, die dagegen stand. Und so ein klein bisschen Untergrund, das macht die Sache für einen Jugendlichen zwischen 12 und 15 natürlich auch spannend.

    Als Bischof Galen 1941 die Predigten gehalten hat, ließ mein Vater die im Büro abschreiben. Wenn ich zum Fußball spielen ging, dann kriegte ich ein Exemplar mit, und brachte das bei Bekannten vorbei. In der Zeit war auch Jugendarbeit verboten, nur Messdiener durfte man werden. Ich habe selber eine Gruppe geleitet, also Jugendarbeit gemacht unter dem Deckmantel Messdiener. Wenn die Religion nicht das Leben spannend macht, dann reizen sie keinen Jungen dazu. Von daher war diese religiöse Überzeugung aus Lebenserfahrung gewachsen. Bei allen Krisen, die man natürlich auch hat.
    Auf der anderen Seite: mein Vater war Ingenieur und sehr stark naturwissenschaftlich interessiert. Ich bin schon als 12-jähriger auf seine alten Zeitschriften „Kosmos“ gestoßen und habe sie gelesen. Das war alles faszinierend für mich.

    In den 20er Jahren ging unter den Naturwissenschaftlern die Diskussion um die Evolutionstheorie um. Ich konnte mit meinem Vater darüber reden. Dieser katholische Vater brachte Evolutionstheorie und In-die-Kirche-gehen zusammen. Dass man das im Leben hinkriegte, das war entscheidend, so dass für meine Vorstellung Religion und Naturwissenschaft keine Gegengesetze waren.
    VS: Rückblickend auf Ihre Amtszeit: Welche Ihrer Entscheidungen haben die Schule am meisten geprägt? Und wo meinen Sie lagen Sie mit Ihren Einschätzungen vielleicht nicht immer richtig?
    RM: Eine richtige Entscheidung, davon bin ich immer noch überzeugt, war die Einführung des bilingualen Zweiges. Wir haben im Kollegium folgende Frage diskutiert: Wenn Europa wirklich zusammenwächst, was bedeutet das für eine Herausforderung und Aufgabe für die Schule? Ich glaube, damit habe ich was Richtiges angefangen, was der Ausbildung bzw. der Bildung der Schüler dient. Dann habe ich Spanisch eingeführt. Das halte ich auch nach wie vor für richtig. Dass ich mit meinem Latein nicht weitergekommen bin, dass es immer noch so dünn ist, dass ist ein Punkt, an dem ich gescheitert bin. Die Turnhalle habe ich bauen lassen. Das war eine der ganz frühen Entscheidungen - war wohl auch richtig.
    Eine Dummheit in Unkenntnis habe ich gleich zu Anfang gemacht. Die blödesten Fehler macht man immer zu Anfang. Wir hatten einmal im Jahr Fahrplankonferenzen. Wir hatten einen durchgehenden Bus von Schönholthausen über Finnentrop bis Attendorn. Den wollten die partout loswerden. Die haben uns das sehr plausibel dargelegt, und ich kannte die Verkehrsverhältnisse noch nicht genau genug, hab mich bei den Kollegen erkundigt und keiner hat Einwände gehabt. Ich habe nachgegeben. Das hat die Schüler viele Stunden gekostet, weil die Verbindungen schlechter wurden und es hat uns zum Teil auch Schülerzahlen gekostet. Schüler, die in Finnentrop blieben, weil sie keinen Anschluss kriegten. Das war ein blöder Fehler, da bin ich reingefallen. Wir haben fünf Jahre gebraucht, um den dummen Fehler des ersten Jahres wieder auszubügeln.
    VS: Und bezüglich der Koedukation?
    RM: Das ist auf Wunsch der Eltern und in Absprache mit dem Rivius-Gymnasium erfolgt. Im Prinzip halte ich auch das für richtig. Aber das würde ich heute sehr viel differenzierter sehen. Koedukation ja, aber ich würde probieren, sehr viel mehr Kurse bzw. Fachunterricht auch getrennt anzubieten.
    Zum Beispiel etwa in Deutsch bestimmte Schwerpunkte: Mädchen sind sehr viel mehr an Lyrik interessiert und Jungen mehr an Sachberichten. Da sollte man auch die Möglichkeit geben, dass man meinetwegen für ein Viertel Jahr mal die drei Parallelklassen nimmt, und sagt: eine Wochenstunde Deutsch machen die Mädchen das und die Jungen das, und ansonsten geht das Programm weiter. Solche Fördermöglichkeiten, die auch geschlechtsspezifisch sind, würde ich versuchen einzuführen. Daran haben wir nicht gedacht.
    VS: Ein Blick in die Zukunft: Was sind Ihre Wünsche und was haben Sie sich noch so alles vorgenommen?
    RM: Also, solange ich gesund bleibe, der Kopf noch geht und die Füße noch laufen, möchte ich hier in der Seelsorge ganz gerne noch ein bisschen helfen. Nachdem ich nun einmal angefangen habe, so einiges zu schreiben, möchte ich auch da noch ein bisschen dabei bleiben. Ich habe auch so im Hinterkopf noch den ein oder anderen Gedanken, was ich gerne täte. Aber das muss die Zeit ergeben. Und nur in Godesberg zu bleiben, ohne zu reisen, dass empfände ich auch nicht als besonders wünschenswert. Solange ich das noch kann, würde ich ganz gerne noch eine große Reise machen.
    VS: Herr Mensing, wir wünschen Ihnen alles Gute und Gesundheit für Ihre Zukunft und möchten uns sehr herzlich für das Interview bedanken!
    AN:

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